Skip to content Skip to footer

Animierter Grusel auf YouTube: Eine Analyse

Kategorisierung: Kommentar

‘Der folgende Beitrag behandelt die Entwicklung von gruseligen Animationen auf YouTube’

Vorwort:

In den letzten Jahren hat eine bestimmte Art von Videos meinen YouTube-Feed überschwemmt: Kurze animierte Gruselgeschichten, die wirklich passiert sein sollen. Ihre Titel beinhalten solch skurrile Stichwörter wie Creepy Nachbarn, Creepy Webseiten, Creepy Karusselle, Creepy Valentine, Dunk ‘n Donuts und Creepy Clowns. Die Videos stammen alle von verschiedenen Kanälen, teilen jedoch einige zentrale Elemente miteinander. Bevor wir uns mit den Videos selbst beschäftigen, sollten wir uns erst fragen, wie wir hier gelandet sind.


YouTube History 010: 

Im Jahr 2010 war es für Leute auf YouTube sehr profitabel, ihre Fans an ihrem Leben teilhaben zu lassen. Sei es durch Vlogs, in denen die Influencer*innen ihren Tag filmen, oder durch „Storytimes, in denen sie eine vermeintlich wahre Geschichte aus ihrem Leben teilten. Die deutschen Vorzeigebeispiele für solchen Content sind wohl DagiBee und BibisBeautyPalace, die mit ihren Kanälen in kürzester Zeit eine große Reichweite erlangen. An einem Punkt realisierten YouTuber*innen, dass diese Formate mehr Aufrufe generieren, wenn man die Geschichte verbildlichen würde. Man kann die Anfänge dieses Gedanken bei dem Trend Draw My Life finden. Große YouTuber (wie Markiplier und iBlali) erzählten ihre Lebensgeschichte, begleitet von selbst gezeichneten Bildern. Jedoch waren diese Zeichnungen meist von sehr niedriger Qualität. Sehr viele dieser großen YouTuber*innen waren nicht besonders künstlerisch begabt. Dies ist erwähnenswert, da Cartoonist*innen ihre eigene Ecke des Internets hatten. Besonders bekannte Gesichter da waren Domics, JaidenAnimations und TheOdd1sOut. Durch selbst animierte Videos verfilmten sie witzige Geschichten aus ihrem Leben. Ihre Videos erzielen Millionen von Aufrufen und Abonennt*innen.

Allerdings befinden wir uns nun zeitlich in den späten 2010ern. Eine Zeit, in der große Unternehmen immer mehr realisieren wie profitable das Internet sein kann. MinuteVideos ist ein YouTube-Channel, der junge Menschen dazu aufruft, ihnen wahren Geschichten zu schicken, damit sie daraus Animationen machen können. Der Kanal war ein voller Erfolg.
Jetzt, da Blut im Wasser ist, kommen die Haie. Mehrere Großunternehmen beginnen 

wahre animierte Geschichten auf YouTube zu veröffentlichen. Ein Beispiel dafür wäre Actually Happend! Ein Kanal, der nicht mehr existiert, aber zu seiner Zeit Millionen von Aufrufen erreichte. Der Kanal hatte auch ein deutsches Gegenstück, mit den gleichen Videos, nur eben mit deutscher Synchronisierung. Das Unternehmen dahinter ist TheSoul Publishing, eine russische Firma, die auf YouTube sehr viel billigen Kinder-Content auf verschiedenen Profilen veröffentlicht. Das ist erwähnenswert, da dieses Unternehmen an einem Punkt dabei ertappt wurde, nach Schriftsteller*innen, Synchronsprecher*innen und Animator*innen für Actually Happend zu suchen. In dem Schreiben hätten sie angeblich nach Autor*innen gesucht, die so realistische Geschichten verfassen können, dass die Zuschauerschaft nicht realisiert, dass die Erzählungen fiktiv sind. Ob man dem Leak Glauben schenken will oder nicht, die YouTube-Community scheint sich einig zu sein, dass die Videos gefälscht sind. Dennoch gibt es bis heute mehrere YouTube-Kanäle, die wahre animierte Geschichten hochladen. Einige davon sind auf Gruselgeschichten spezialisiert. Was das perfekte Genre für diese Art von Videos ist!


Horrorfans lieben Fake News: 

Die Horror-Szene hat einen Präzedenzfall für diese Art von Inhalten geschaffen. Doch schon lange vor den Abgründen des Internets waren die Menschen fasziniert von der Frage: Wie viel Wahrheit steckt in Gruselgeschichten? X-Faktor: Das Unfassbare beschäftigte sich mit genau diesem Thema. Eine Folge bestand immer aus fünf verfilmten Kurzgeschichten. Am Ende wurde aufgelöst, welche Geschichten wahr sind und welche frei erfunden. Produziert wurde sie von 1997-2002 in den USA. Im deutschsprachigen Raum ist die Serie bis heute sehr beliebt. Diese anhaltende Popularität führte sogar dazu, dass die dritte und vierte Staffel in Deutschland noch vor ihrer US-Premiere synchronisiert und ausgestrahlt wurden. Für die vierte Staffel wurde zudem ein eigener Vorspann für die deutsche Fassung produziert: Dabei ersetzte man die originale Titelmusik durch das Stück Under Investigation von Simon Russell. Aber auch X-Faktor geriet in Kritik. So seien keine unabhängigen Quellen ersichtlich. Durch ungenaue Angaben von Raum und Zeit der Geschehnisse sind sie schwer zu überprüfen. Auch wurden 2012 einige der Geschichten von der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) als jugendgefährdend eingestuft, da sie die Entwicklung von Unter-12-Jährigen beeinträchtigen könne. Trotz der Kontroversen erfreut sich die Serie bis heute an großer Beliebtheit.

Auch Found-Footage-Filme wie The Blair Witch Project versuchten ihren Gruselfaktor zu erhöhen, indem sie sich als Dokumentation eines realen Vermisstenfalls ausgaben. Inklusive der Erstellung eines gefälschten Polizei-Dokuments und Vermissten-Plakate der Schauspieler*innen. Ähnlich versuchte eine ikonisches Creepypasta Ted the Caver, die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen zu lassen. Der Creator veröffentlichte ein Dokument, das einen tatsächlich erschreckenden Höhlentauchvorfall beschrieb, nur um Monate später einen weiteren Text zu veröffentlichen, der offenlegte, dass die ganze Sache in Wirklichkeit ein Streich war.

Heute ist der größte Raum für Horrorgeschichten online, das r/nosleep-Subreddit. Eine der Regeln, um auf der Plattform posten zu dürfen, besagt, die Geschichte solle so erzählt werden, als wäre sie echt.

Im Gegensatz dazu hassen es andere Genre-Liebhaber*innen, wenn man sie belügt. Zum Beispiel: Drama Fans! Lonelygirl15 war ein YouTube-Kanal, der 2006 gestartet wurde. Der Star war eine junge Frau, namens Bree, die Vlog-artige Videos über ihr Leben produzierte. Sie sprach über Freund*innen, Familie und einer geheimen Sekte.  Ihre Zuschauerschaft dachte, sie sei eine normale Jugendliche, die ihr echtes Leben teile. Doch schließlich entdeckten Internetnutzer*innen, dass es sich um eine rein fiktive Serie handelte. Diese Erkenntnis killte das Interesse an den Knal. Einige langjährige Fans beschrieben die Aktion als tückisch und enttäuschend.
 
Horrorfans neigen jedoch dazu, sportlich mit solchen Situationen umzugehen. Denn ein guter Schreck braucht manchmal eine kleine Lüge. Warum das so ist, ist schwer zu bestimmen. Vielleicht hat es was mit der breiteren Kultur zu tun hat. Wenn eine Freundin in einer Geschichte lügt, um das Drama in der Erzählung zu verstärken, neigt man dazu, diese Person als unaufrichtig wahrzunehmen. Im Kontrast dazu waren wir alle mal Kinder, die von Gruselgeschichten gehört haben und die nächsten Nächte nicht schlafen konnten, weil man uns gesagt hatte, sie seien echt. Das Endziel dieser Lüge hier war die Schadenfreude uns einen richtigen Schrecken einzujagen. Nicht zwingend die Lüge selbst.
Eine andere Möglichkeit wäre, dass es einfach leichter ist zu erkennen, wann eine Gruselgeschichte nicht wahr ist. Die meisten Menschen haben im Laufe ihres Lebens einige interessante Dramen erlebt. Wirklich gruselige Geschichten sind im Vergleich eher selten. Es geht also darum, so zu tun, als ob. Selbst wenn wir alle wissen, dass es nicht wahr ist. Natürlich kann es auch sein, dass Horrorfans und Dramafans einfach unterschiedliche Arten von Menschen sind, die mit ähnlichen Situationen anders umgehen.

Jetzt, da wir die Internetkultur verstehen, die uns zu diesem Punkt gebracht haben, sollten wir uns fragen, was das Subgenre ausmacht.


Was hinter dem Namen steckt: 

Wenn wir diese Frage beantworten wollen, müssen wir uns die einzelnen Wörter anschauen, aus denen der Genre-Name besteht: Wahre Animierte Gruselgeschichten. 
Wie bereits aufgearbeitet, sind die meisten Geschichten nicht wahr. Es ist schwierig zu sagen, ob wirklich jedes einzelne Video auf diesen Kanälen auf rein fiktiven Handlungen basiert. Aber falls sich eine wahre Erzählung eingeschlichen hat, wäre diese eine Ausnahme, die unsere Regel bestätigt. 
 

Sind die Geschichten animiert? Das auf jeden Fall. Der Animationsstil vieler dieser Videos erinnert an Erwachsenen-Cartoons wie Family Guy. Obwohl solche Sitcoms natürlich einen ganz anderen Ton haben. Dies könnte darauf zurückgeführt werden, dass solche Serien Flash-Animation benutzen. Bei dieser Art der Animation werden sogenannte Keyframes (Ankerpunkte, die den Start- und Endwert der Position einer Figur zu einem bestimmten Zeitpunkt festlegen) erstellt, die dann wie Puppen digital bewegt werden (ein Prozess, den man auch Tweening nennt), statt jede Bewegung ‘per Hand zu zeichnen. Demnach ist es relativ günstig, in diesem Stil zu animieren. Außerdem lässt sich diese Art von Animation schneller produzieren., da sie keine komplexe Schattierung benötigt. Selbst wenn Videos von diesem Family Guy-Still abweichen, ist die Animation immer noch simpel gestaltet. 

Ob die Gruselgeschichten gruselig sind, lässt sich nicht so leicht ermitteln. Unterschiedliche Menschen gruseln sich vor unterschiedlichen Dingen. Meiner persönlichen Meinung nach sind die meisten Geschichten viel zu kurz, um wirklich unheimlich zu sein. Sowohl die Figuren als auch die Ideen selbst haben nicht genügend Zeit, um ausreichend entwickelt zu werden. Hinzu kommt die Tatsache, dass die Monster in diesen Geschichten in einem sehr einfachen Stil gezeichnet werden müssen. Etwas, dass sie eher lächerlich als furchteinflößend aussehen lässt. Was dem Gruselfaktor auch ein Bein stellt, ist, wie vorhersehbar viele der Geschichten sind.


Die Sezierung eines Genre-Plots: 

Der englische Begriff Genre Plot“ (zu Deutsch Genre Handlung“) bezeichnet eine Gattung an Werken, die nicht nur einige Merkmale miteinander teilen, sondern auch eine spezifische Handlung. Um die vielfältigen Erzählstränge dieser Subkategorie zu analysieren, unterteile ich sie, der Einfachheit halber, in drei Genre-Plots.

Zum einen gibt es die Geschichten, in denen ein (meist männlicher) Protagonist spät abends spazieren geht und etwas Ungewöhnliches sieht. Ein ikonisches Beispiel hier wäre The Smiling Man. Normalerweise geschieht sehr wenig in der Handlung. Sie enthalten wirklich nur das Nötigste. Auch die Protagonist*innen werden sehr schlicht gehalten, damit die Lesendes sich leichter im lyrischen Ich wiedererkennen können. Dieses grundlegende Gerüst einer Creepypasta lässt sich leicht wiederverwenden, ohne dass es als recycelt auffällt. Solange man das schaurige Ereignis in jedem Video austauscht, merkt es niemand.
 
Dann gibt es die Geschichten, bei denen es am Anfang so scheint, als würde der männliche Protagonist eine Jungfrau in Nöten retten, nur um am Ende zu offenbaren, dass er die wahre Gefahr war. Diese Art von Geschichte bietet ebenfalls eine vermeintlich einfache Handlung, hat aber auch den Bonus einer überraschenden Wendung. Diese Art von Videos ist oft sehr auf Clickbait ausgelegt. Die Titel und Thumbnails versprechen schlüpfrige Horrorinhalte, aber das Einzige, was in diesen Videos da herankommt, ist die Jungfrau in Nöten, die in seltsamen Posen mit einem großen Ausschnitt animiert wird. Diese Geschichten suggerieren ein seltsames Geschlechterbild, was wir eines Tages in einem anderen Beitrag analysieren sollten. Aber vorerst werde ich nicht einmal Beispiele angeben, da diese Videos, ohne weitere Einordnung, nicht besonders sehenswert sind.
 
Die dritte Variante sind Geschichten, die aus der Perspektive von Kindern erzählt werden. Diese Erzählungen beinhalten am ehesten, übernatürliche Elemente. Wie zum Beispiel Geister! Aber da Geschichten von der Perspektive eines Kindes erzählt werden, haben sie trotz dieser Elemente, weiterhin einen gewissen Grad von Glaubwürdigkeit. Kinder haben eine blühende Kreativität und sehen in der Dunkelheit schon mal Dinge, die nicht existieren. Vielleicht war es ein Mann in dem dunklen Eck des Zimmers. Aber vielleicht war es einfach der Schatten des Schranks. Dies ermöglicht den Menschen hinter der Geschichte mit verschiedenen übernatürlichen Konzepten zu experimentieren und ihre Geschichten dennoch realistisch zu halten. Ein Beispiel hierfür wäre Woman in The purple Dress.


Schlusswort: 

Trotz des scheinbar einfachen Konzepts sind wahre animierte Horrorgeschichten das Ergebnis vieler verschiedener YouTube-Genres, die aufeinander geprallt sind. Das Ergebnis sind Geschichten, die kostenlos online geteilt werden. Auch bietet es Menschen, die schreiben und animieren wollen, die Möglichkeit, ihre Kunst zu teilen.
Die Zynikerin in mir hat jedoch Schwierigkeiten, dies nur positiv zu betrachten. Die oft mittelmäßige Qualität, kombiniert mit reißerischem Clickbait,weckt in mir den Verdacht, dass es vielen Videoproduzent*innen vor allem darum geht, mit billigem Grusel schnell Geld zu verdienen.


Vielen Dank fürs Lesen und Happy Summerween!

Autor:in

  • Deena

    Auf JUMA22 will ich unsere Leserinnen informieren, unterhalten und dazu animieren, meine Lieblingsfilme zu schauen.

    Alle Beiträge ansehen
This Pop-up Is Included in the Theme
GDPR Cookie Consent mit Real Cookie Banner