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Die Kunst der Übersetzung

Kategorisierung: Meinungsbeitrag

Im Jahr 1990 sagte der preisgekrönte Schriftsteller Gabriel García Márquez, dass er es vorziehe, seine eigenen Romane in den englischen Übersetzungen von Edith Grossman zu lesen (1). Ein großes Kompliment an die Arbeit von Grossman. Aber auch interessant, weil viele Leser*innen anscheinend fremde Geschichten vermeiden, da sie der Übersetzung nicht trauen. Der Buchmarkt scheint zu versuchen, dieses Stigma zu überwinden, indem er spezifische Übersetzungen neben dem Roman empfiehlt. Ein Paradebeispiel dafür wäre das englische Cover der katalanischen Novelle „Boulder“, auf dem der Name der Übersetzerin, Julia Sanchez, zusammen mit dem Namen der Autorin Eva Baltasar aufgeführt ist (2). Die Übersetzerin wird neben der Autorin genannt, als wären sie Eltern von einem gemeinsamen Kind. Wieso ist das so? Und warum ist es so schwer, eine Geschichte von einer Sprache in die andere zu übertragen?


Worte, Worte, Worte

Übersetzen war schon immer eine schwierige Aufgabe in der Medienbranche. Es wird viel darüber diskutiert, ob es wichtiger ist, die Übersetzung so nah wie möglich am Originaltext zu halten, oder ob die*der Übersetzer*in ein wenig Freiheit haben sollte, den Text zu übersetzen, solange die ursprüngliche Bedeutung erhalten bleibt. Der Grund, warum das überhaupt eine Diskussion ist, liegt daran, dass Sprache komplex ist. Zum Beispiel haben Deutsch und Englisch beide Wörter, die es in der jeweils anderen Sprache nicht gibt. Wenn man sie also erklären möchte, bräuchte man mehr Wörter, um dasselbe Gefühl auszudrücken. Das ist frustrierend für Leute, die eine direkte Übersetzung wollen, denn die Kunst eines perfekten Satzes besteht darin, viel mit möglichst wenigen Worten zu sagen. 
 
Das Problem wird noch größer bei Sprichwörtern, die einzigartig für eine bestimmte Kultur sind. Man könnte versuchen, sie einfach rein zu übersetzen, aber man riskiert, die Leser*innen einer anderen Kultur zu verwirren. Zum Beispiel „You cannot have your cake and eat it too“ ist eine englische Redewendung, die aussagt, dass man nicht zwei Dinge haben kann, die sich gegenseitig ausschließen. Die direkte Übersetzung „Du kannst nicht Kuchen haben und ihn gleichzeitig essen“ existiert im Deutschen so nicht, also wenn man den Ausdruck übersetzen wollen würde, wäre eine akkuratere Version „Du kannst nicht alles auf einmal haben“. Dies vermittelt jedoch nicht dasselbe Bild und ist eine wesentlich direktere Art der Kommunikation. Du könntest versuchen, es stattdessen durch ein anderes Sprichwort zu ersetzen, wie „Du kannst dich nicht waschen und dabei trocken bleiben“. Ich habe einige Leute gesehen, die diese Version des Ausdrucks verwenden, aber sie ist nicht so gebräuchlich wie die englische Version. Wie du siehst, gibt es mehrere Möglichkeiten, diesen einen Satz in die deutsche Sprache zu konvertieren.
 
Im Falle der Jugendsprache wird das noch komplizierter, da diese oft Anglizismen aus einer anderen Sprache sind. Im Alltag sprechen sehr viele junge Leute in einer Kombination aus Deutsch und anderen Fremdsprachen. Aber du kannst es nicht einfach auf Englisch lassen, auch wenn viele Leute in Deutschland es genauso benutzen würden wie ein*e Amerikaner*in. Eine Übersetzung richtet sich nämlich unter anderem an Menschen, die nur eine Sprache sprechen und das Mischen der beiden Sprachen könnte daher für manche verwirrend wirken. Ein Beispiel hierfür ist das Wort „radical“, das im Englischen zwei Bedeutungen hat. Die formelle Bedeutung ist dieselbe wie beim deutschen Wort „radikal“. Aber es gibt auch eine Version des Wortes in der Welt des Slangs, die eher die Bedeutung von „cool“ oder „krass“ hat. Letzteres ist das perfekte Beispiel dafür, warum wir Texte beim Übersetzen nicht wörtlich nehmen sollten, weil das zu unglaublich verwirrenden Ergebnissen führen würde.
 
Warum versuchen wir überhaupt, so nah am Originaltext zu bleiben, anstatt einfach den Sinn der Aussage wiederzugeben? Weil’s nicht so einfach ist, den Sinn einer Aussage zu ermitteln. Viele Autor*innen versuchen durch die Art und Weise, wie sie die Sätze in ihren Werken strukturieren, Raum für Interpretation zu lassen. Wenn man also versucht, den Geist statt die direkten Worte zu übersetzen, muss man entscheiden, was dieser Geist ist. Das bedeutet, dass man seine eigene Interpretation in etwas einfügt, das eigentlich offen für Spekulationen sein sollte. Auf eine Weise könnte man am Ende die Nuancen aus einem Text rauben und den Leser*innen dieser Sprache nicht erlauben, darüber zu spekulieren. Das funktioniert natürlich auch umgekehrt, indem Mehrdeutigkeit eingeführt wird, wo zuvor keine existierte.
Im amerikanischen Thriller „Long Legs“ gibt es besipielsweise eine Szene, in der ein kleines Mädchen die Hauptfigur nach ihrer Erfahrung als Frau im FBI fragt. In der ursprünglichen englischen Version lautet die Frage des kleinen Mädchens: „Is it scary to be a lady FBI Agent?”
Und in der deutschen Übersetzung lautet ihre Frage so: „Macht es dir Angst Agentin bei der FBI zu sein?“
Das sind zwei verschiedene Fragen. Die erste legt den Fokus auf das Geschlecht der Protagonistin, während die zweite das nicht tut. Die zweite Frage scheint sich einfach nur auf ihren Job zu konzentrieren. Warum ist das so? 
Das Wort für Agentin auf Englisch ist geschlechtsneutral, also benutzt das kleine Mädchen, wenn es „Woman Agent“ sagt, ein zusätzliches Wort, um das Geschlecht anzugeben. In Deutschland gendern wir so viel, dass es für uns praktisch unsichtbar ist. Lehrer, Bäckerin, Arzt, Anwältin, usw. All diese Wörter haben geschlechtsspezifische Konnotationen, aber wir nehmen es als so normal wahr, dass es einfach ein normaler Teil des Wortes wird. 
Um den Fokus extra auf das Geschlecht der Protagonistin zu legen, müssten wir es mit „Frau Agentin“ übersetzen, was nicht nur viel wortreicher ist, sondern auch viel repetitiver klingt, da eine Agentin für uns offensichtlich eine Frau ist. Dies ist ein Paradebeispiel für die Komplexität, wenn zwei Sprachen aufeinandertreffen und den Dialog einer Szene wie bei einem Stille-Post-Spiel verwirren. 
 
Es ist jedoch nicht alles negativ. Manchmal kann eine deutsche Übersetzung eine interessante Charaktertiefe offenbaren, die sonst nicht vermittelt werden könnte. In der amerikanischen Thriller-Serie „Hannibal“ zum Beispiel nähern sich der Protagonist und der Antagonist im Laufe der Zeit einander an. Sie haben zu Beginn der Serie ein professionelles Arbeitsverhältnis, weshalb sie sich siezen. In Szenen, in denen sie anfangen, sich näherzukommen, beginnen sie jedoch, sich zu duzen. Das formelle „Du“ existiert im Englischen nicht, daher muss die kreative Entscheidung, wo das „Du“ beginnt und das „Sie“ endet, alleine bei der*dem Übersetzer*in liegen. Wo Feindseligkeit endet und Zuneigung beginnt. Eine Interpretation der Dynamik, die in Stein gemeißelt wird. 
Ich liebe es immer mit anzusehen, ob und wie ein Medium auf Deutsch die Praxis des Siezens verwendet. Für mich ist es eine sehr interessante Facette der Sprache. Abgesehen von meinem persönlichen Geschmack ist es jedoch auch ein weiteres Beispiel dafür, wie eine Interpretation der ursprünglichen Version aufgezwungen wird. Eine sprachliche Schicht, die ursprünglich nicht da war, wird zur Dynamik hinzugefügt.
Die meisten Übersetzer*innen verwenden je nach Projekt eine Mischung von verschiedenen Stilen der Übersetzungen. Was logisch klingt. Es gibt keinen Übersetzungsstil, der für alles passt, also ist die*der Übersetzer*in in gewisser Weise selbst ein*e Künstler*in, die*der bei jedem Schritt im Prozess Entscheidungen treffen muss. 
Diese Aufgabe soll Menschen aber jetzt abgenommen werden.


Verpflichtendes Segment über KI

Wenn wir in einem modernen Kontext über künstliche Intelligenz sprechen, sprechen wir oft über Sprachmodelle. Offensichtliche Beispiele dafür wären Mistral AI oder ChatGPT. Diese Modelle nutzen eine Datenbank mit geschriebenen Texten, um auf eine Eingabeaufforderung zu antworten, indem sie einen Satz generieren, der aus dem wahrscheinlichsten nächsten Wort besteht. Das funktioniert ähnlich wie die vorgeschlagene Wortfunktion bei WhatsApp, nur dass der resultierende Satz etwas kohärenter ist. Das ist vereinfacht gesagt, wie KI funktioniert. 
 
Es ist wichtig, das zu wissen, um das Problem zu verstehen, das entsteht, wenn man es beim Übersetzen eines Werks benutzt: Künstliche Intelligenz kann deine Arbeit nicht besser machen. Sie kann sie nur generischer machen. Künstliche Intelligenz weiß nichts. Sie kann keine Entscheidungen treffen. Sie beurteilt nicht, was einen Satz flüssiger machen würde oder die Nuancen verschiedener Wörter, die man wählen könnte. Es weiß nicht, welches Wort besser passen würde, es erzeugt nur das Wort, das öfter verwendet wird. 
 
Es gibt auch einige ethische Probleme bei der Nutzung von künstlicher Intelligenz in der Buchbranche. Die weit verbreitete Nutzung von KI führt zu Vertrauensproblemen zwischen Leser*innen und Autor*innen, wenn sie nicht offengelegt wird (3). Die Datenbank, die zur Texterstellung verwendet wird, ist fragwürdig, da Fragen zu Urheberrecht und Plagiaten bestehen (4). Außerdem verursacht die Menge an Wasser, die benötigt wird, um die Rechenzentren für Sprachmodelle am Laufen zu halten, Dürren in ländlichen Gegenden der Welt (5).
 
Ich habe in der Vergangenheit zwei Artikel über KI geschrieben, in denen ich ausführlich darauf eingegangen bin, dass KI nicht in der Lage ist, das zu tun, was nötig ist, um Kunst zu schaffen (6). Damit sie überhaupt nützlich ist, bräuchte man immer noch eine menschliche Person dahinter, um die Probleme zu beheben, die die Maschine macht. Warum sollte man dann überhaupt KI benutzen, anstatt die Sache gleich ganz selbst zu machen? Denn so wie es gerade aussieht, glaube ich nicht, dass KI die Zukunft der Übersetzung ist. Zumindest nicht ohne starken menschlichen Einfluss.


Fazit

Wir schätzen oft nicht die Menge an Arbeit, die in die Übersetzung eines Kunstwerks gesteckt wird. Es ist die Art von Sache, die jeder bemerkt, wenn sie schlecht gemacht ist, aber unsichtbar ist, wenn sie gut gemacht wird. Das macht es umso wichtiger, gut gemachte Beispiele zu zeigen, um zu veranschaulichen, dass präzise Übersetzungen möglich sind. Nicht nur, um die Arbeit der übersetzenden Person zu respektieren, sondern auch, weil es die Leser*innen dazu ermutigen würde, zu einem Buch in einer Fremdsprache zu greifen.
Übersetzen ist eine Kunst für sich, die für die einen mehr von einer Geschichte offenbaren kann. Es eröffnet die Möglichkeit, die Geschichte überhaupt für andere erfahrbar zu machen. Deshalb würde ich empfehlen, einige deiner Lieblingsgeschichten in den verschiedenen Sprachen, die du beherrschst, miteinander zu vergleichen. Vielleicht lernst du dabei etwas Neues darüber.


Die Quellen


Vielen Dank fürs Lesen und bis zum nächsten Beitrag!

Autor:in

  • Deena

    Auf JUMA22 will ich unsere Leserinnen informieren, unterhalten und dazu animieren, meine Lieblingsfilme zu schauen.

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