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Frida Kahlo gesichtet in Groß-Gerau!

Kategorisierung: Kommentar

‘Der folgende Beitrag soll kein Angriff auf die Menschen hinter den gezeigten Produkten sein. Stattdessen dienen die einzelnen Handelsgegenstände hier nur als Symbolbilder für einen größeren gesellschaftlichen Trend.’

Eine Person, die in der Öffentlichkeit steht, beginnt den Prozess des kulturellen Klonens. Ein Popstar, wie Taylor Swift zum Beispiel, existiert als eine Marke, die von einem Label verkauft wird, als das popkulturelle Phänomen, das sie verkörpert, als die fiktiven Figuren, von denen sie in ihren semi-biografischen Liedern singt, und natürlich als die reale Person, die die meisten von uns nie kennenlernen werden.
Diese verschiedenen Versionen werden nicht nur von der Sängerin selbst erschaffen, sondern auch von der Öffentlichkeit und der Presse, die darauf abzielen, die Grenzen zwischen Privatem und Fiktivem zu verwischen. Die Popkulturfigur darf weiterleben, lange nachdem die echte Person gestorben ist. Denn sobald Geschichte gemacht wurde, sind es diese externen Kräfte, die versuchen, die Figur am Leben zu erhalten. Denn nichts verkauft sich besser als das Vermächtnis einer toten Ikone.

Darmstadt, Thalia / 'Frida Kahlo. Die Malerin und ihr Werk' / 'Die zwei Fridas' (1939)


In dem vorherigen Beitrag dieser Reihe, ‘Marilyn Monroe gesichtet in Groß-Gerau!’, ging ich sehr unkritisch mit der Komifizierung von Monroes Bild um. Dies lag unter anderem daran, dass ich denke, dass Monroe es nicht anders gewollt hätte, als dass Fotos von ihr, über ganze Nationen gepflastert werden. Sie war ein riesiger Hollywood-Star, der sich nicht vor Kameras gescheut hat. Dazu kommt noch, dass im Falle von Monroe ihr eigenes Bild die popkulturelle Figur von ihr repräsentiert. Im Kontrast dazu werden bei jemandem wie Frida Kahlo weder Fotos von ihr noch ihre Gemälde genutzt, um sie popkulturell darzustellen. Stattdessen werden diese Bilder von ihr erschaffen, in denen ihre Augenbrauen gezupft und Gesichtszüge aufgeweicht sind. Was bleibt, wird mit so viel Schminke überdeckt, bis die Figur eher einem Instagram-Modell als Kahlo ähnelt.

Majo Markenschuhe, Groß-Gerau / Artikel einer Gattungsmarke / 'Frida Kahlo Portrait' (n.a.)


Selbst Produkte, die versuchen, der Figur eine Art von Seele zurückzugeben, stellen sie hell lächelnd da. Ein Anblick, der in echten Fotos von Kahlo fast kaum existiert. Als sie für die Fotografie posierte, sah sie keine Notwendigkeit, für die Kamera ein Lächeln vorzutäuschen. Stattdessen bevorzugte sie es, den Moment in seiner größtmöglichen Authentizität einzufangen.

Majo Markenschuhe, Groß-Gerau / Artikel einer Gattungsmarke / 'Lachende Frida Kahlo' (n.a.)


Auch zeigt ihre eigene Fotografie sie oft in traditioneller mexikanischer Kleidung, ein bewusster Ausdruck von Stolz auf ihre Wurzeln. Privat nutzte Kahlo ebenfalls ihr Auftreten gezielt, um ihre Kultur zu präsentieren. Interessant ist hier die Anekdote, der zufolge sie auf einer französischen High-Class-Party in einem dieser Gewänder erschien, was gewisse hoffärtige Gäste schockiert habe. Kahlo stach heraus, und genau das war ihre Absicht: Nicht nur, um ihre Wurzeln zu ehren, sondern auch, weil sie sich nicht der monochromen Menge anpassen wollte. Ein Prinzip, das sie seit ihrer Kindheit begleitete.
Obwohl Kahlo ihr Land innig liebte, war sie keine blinde Nationalistin. Sie hatte eine sehr kritische Haltung gegenüber starren Geschlechterrollen, die ihre Landsleute ihr von klein auf eintrichtern wollten. Ihre Weigerung, sich an den kulturellen Standards einer ‘anständigen Frau’ zu halten, war in Wahrheit nur der Wunsch, als ihr authentischstes Selbst zu leben (1). Laut, aufmüpfig, kreativ und komplex, sowohl in Persönlichkeit als auch in ihrem Aussehen. Deswegen gibt es so viele Fotos von ihr in Anzügen und Eigenporträts, die sie offen mit Körperbehaarung zeigen. Fernab von den perfekten Instagram-Bildern von heute oder den ach-so glamourösen Filmstars von gestern, hat sich Kahlo weitaus mehr dafür interessiert, sich so zu zeigen, wie sie wirklich war. Statt sich in irrealen, femininen Idealisierungen zu verlieren.

Wenn wir so ihre Lebensgeschichte erzählen, klingt Kahlo wie eine inspirierende Feministin, die ein Vorzeigebeispiel für Individualität und authentischen Selbstausdruck ist.
Ein Narrativ, von dem Produkte, die ihr Abbild verwenden, profitieren wollen. Dies erklärt die ganzen Postkarten mit vagen positiven Botschaften, die aussagen, wie toll du doch bist.

Buchhandlung Frank, Groß-Gerau / Artikel der Marke Card ART / 'Du bist wundervoll' (2026)

Es sollte gesagt werden, dass diese Postkarte ziemlich niedlich ist. Die Farben harmonieren gut miteinander, und dieser linienloser Zeichenstil hat seinen Reiz. Für mich jedenfalls ruft sie nicht denselben Ekel hervor, wie es die vorherigen Produkte tun.
Jedoch sollten wir uns bewusst sein, dass es eine Simplifizierung ist. Diese Postkarte stellt Frida Kahlo dar, wie das Konzept der Freude durch ein Emoji dargestellt wird.
Das Phänomen der Freude entzieht sich einer präzisen Definition und bleibt in seiner Komplexität oft ungreifbar. Was bedeutet es, glücklich zu sein? Handelt es sich dabei um eine subjektive Gewissheit, eine spirituelle Erfahrung, eine neurochemische Reaktion oder gar um eine flüchtige Illusion, die sich auf der Suche nach kurzfristiger Befriedigung verliert? WhatsApp denkt, es sei ein kahler Lego-Kopf, der dich dumm anlächelt.

Ähnlich wie die Emotionen, die sie bewohnen, sind auch Menschen selbst komplex. Frida Kahlo war kein perfektes Vorbild, weil sie zu beschäftigt war, ein Leben zu haben: Kahlo malte 143 Gemälde in 47 Jahren (2). Sie war ein sportliches Kind (3). Ein Autounfall in jungen Jahren hinterließ bleibende Schäden an ihrer Wirbelsäule (4). Sie bereiste die Welt als eine gefeierte Ikone. Ihr Lebenspartner Diego betrog sie, obwohl sie eine offene Ehe führten (5). Die Schmerzen fraßen sich über die Jahre tief in ihr Leben, bis es zu früh endete (6). Worte können nicht ausdrücken, wie viel in dem Leben dieser Frau passiert ist, wie viele Beschlüsse sie für sich selbst traf und wie viele Entscheidungen ihr genommen wurden. Diese Komplexität spiegelte sich in ihren Gemälden wider, da sie stark von tiefst persönlichen Ereignissen inspiriert waren. Zum Beispiel, ‘Der verletzte Hirsch’ (1946). Ein Werk, das versucht darzustellen, wie Kahlo sich nach einer missglückten Wirbelsäulenoperation fühlte. Nicht nur ihr körperlicher Kummer ist hier abgebildet, sondern auch ihre Angst, dass ihr Schicksal, in Schmerzen zu leben, unausweichlich ist (7). Es ist eine ziemlich viszerale Zeichnung, die es schafft, diese Gefühle zu vermitteln und dabei Kahlos unorthodoxen Zeichenstil beizubehalten.

Frankfurt am Main, Schmitt & Hahn / 'Meisterwerke der Kunst – großartig erklärt' / 'Der verletzte Hirsch' (1946)

Die zuvor gezeigten Produkte stellen weder Kahlo noch ihre Kunst dar. Nicht bildlich, da neue Bilder erstellt werden müssen, um dieses weißgewaschene Abbildung von Kahlo zu erschaffen, aber auch nicht auf einer spirituellen Ebene, da diese Produkte weder die Tiefe ihrer Kunst noch ihre Kreativität enthalten.
Also, wie kamen wir zu dem Punkt, dass Frida Kahlo(s Kunst) auf diese Weise dargestellt wird?
Nun, ich denke, Kahlos Bild ist so weit von ihrer tatsächlichen Person entfernt, dass ihre popkulturelle Figur jetzt völlig von dem Vermächtnis getrennt ist, das sie für sich selbst aufgebaut hat. Eine Trennung, die bei ihr viel härter durchgezogen werden musste als bei anderen Menschen der Öffentlichkeit. Während bei Marilyn Monroe ihre Figur davon abgeleitet wird, wie sie sich selbst darstellte, wurde Frida Kahlos Figur von Unternehmen aufgebaut. Einige ästhetische Merkmale von ihr wurden geklaut, nur um dann genau die Art von traditioneller Feminität zu verkaufen, gegen die sich Kahlo zu Lebzeiten aufgelehnt hat. Im Gegensatz zu anderen Künstler*innen kann Kahlo nicht wählen, welche Rolle ihr Bild darstellen soll, weil wahre Authentizität sich nicht an die Massen verkaufen lässt.

Opelvillen, Rüsselsheim / 'Frida Kahlo. Ihre Fotografien' Sonderausstellung / ‘Selbstbildnis mit Halskette’ (1933)

Die Debatte darüber, wie Kahlos Bild genutzt werden sollte, ist so alt, dass sie in Mexiko schon trinken darf. Obwohl Kahlo selbst nicht mehr zur Diskussion beitragen kann, hat ihre Familie deutlich gemacht, was sie darüber denkt.
Als das Spielzeugunternehmen Mattel, das für ausbeuterische Arbeitspraktiken bekannt ist (8), im Jahr 2018 eine ‘Frida-Kahlo’-Puppe als Teil einer neuen Barbie-Reihe herausbrachte, erhielt der Konzern viel Gegenwind von Kahlos Nachkommen. Mara Romeo, die Großnichte der Künstlerin, verklagte das Unternehmen wegen angeblicher Verletzung von Bildrechten. Die Anwältin der Familie, Pablo Sangri, äußerte sich der Presse gegenüber wie folgt: „Für die Familie geht es hierbei [nur] um die Liebe zu allem, wofür Frida Kahlo steht“ (9). 
Trotz ihres popkulturellen Makeovers bewahrt Kahlo noch immer einen Teil ihrer ursprünglichen Bedeutung. Sie steht immer noch für etwas, unter anderem, weil ihre Familie, aber auch Kunst- und Geschichtskundige, ihr wahres Bild am Leben halten.


Hier noch die Quellen:


Vielen Dank fürs Lesen und bis zum nächsten Beitrag!

Autor:in

  • Deena

    Auf JUMA22 will ich unsere Leserinnen informieren, unterhalten und dazu animieren, meine Lieblingsfilme zu schauen.

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