Skip to content Skip to footer

Kauta: „Zwischen Deutschrap und Tagebuch“

Kategorisierung: Kommentar

Musikszene und Starporträt

Pop! Pop! Pop! Jedes Jahr scheint das Jahr für die amerikanischen Popgirls zu sein, aber auch in der deutschen Musikszene gibt es vielversprechende Entwicklungen. Öffentliche Diskussionen über neue Songs, haben endlich die sozialen Medien erreicht und der Diskurs wird immer mehr von jungen Menschen geleitet. Im Kontrast zu den letzten Jahren, wo es sich angefühlt hat als drehten sich sämtliche musikalische Diskussion nur um die USA, wird jetzt immer mehr die deutsche Musikszene analysiert. Etwas scheint das Interesse der Jugendlichen an unserer eigenen Mucke geweckt zu haben. Vielleicht sind es die vielen Kontroversen um Ikkimel, die verschiedenen Remixe von Karina Rose, die Nostalgie rund um Cro, die gesellschaftskritischen Texte einer Nura, die auf TikTok trendenden Beats von Domiziana oder was auch immer die Atzen machen. In meinem Fall war es Kauta.
 
Kauta ist eine deutsche Indie-Sängerin von 25 Jahren. Sie wurde vor allem durch ihre Teilnahme an der Rap-Contest-Show „Rap La Rue“ bekannt, wo sie 2024 den vierten Platz erreichte. Sie spielte auch die Hauptrolle „Samira“ in der Jugendserie „GangstarZ“ und steuerte den Titelsong „Alles für mein Ziel“ bei. Im November 2025 veröffentlichte sie ihre erste EP „Tagebuch“ – Ein passender Titel, denn ihre Musik behandelt Themen, die man in solch einem Büchlein findet: Identität, Liebe und Unsicherheiten. Dazu kommt noch, dass sie die meisten ihrer Lieder selbst schreibt, was ihren Alben eine persönliche Note verleiht und ihr Talent als Texterin immer wieder unter Beweis stellt. Nachdem ich die letzte Woche damit verbracht habe, ihre gesamte Diskografie rauf und runter zu hören, möchte ich heute einige ihrer Lyrics auseinandernehmen, um zu sehen, wie oder ob sie funktionieren.


Lupe über Lyrics

Kennengelernt habe ich Kauta durch ihren Song „Egal“, den sie in der Serie „Rap La Rue“ zusammen mit ihrem festen Freund Aymen geschrieben und performt hat. Der Auftritt der beiden hat auf YouTube über 17 Millionen Aufrufe und ist für viele Fans das Highlight der Serie. Der Song beschreibt eine komplizierte Beziehung, in der niemand gut wegkommt. Was als Kompliment gemeint ist. Mir gefällt es, dass sich das schreibende Duo nicht davor gescheut hat, den Protagonisten ein paar Schattenseiten zu geben. Sehen wir uns denn mittleren Teil der ersten Strophe als Beispiel an.
 


[Songtext zu „Egal“]
„Sag bitte nie wieder, dass du mich liebst
Auch deine Kindheit war ziemlich schwer
Du fühlst dich alleine, das hast du verdient

Diese Sätze nebeneinander wirken auf mich wie reiner Schmerz, auch wenn sie Bosheit ausdrücken. Das lyrische Ich meint hier nicht wirklich was er meint, was man daran sieht, dass er die weibliche Protagonistin später, in der zweiten Strophe, anbettelt, zurück zu ihm zu kommen.



[Songtext zu „Egal“]
„Das mit uns ist lange schon verlor’n
Nein, du hast kein’n Plan
Ruf mich nicht mehr an, du hast gewonn’n
Komm zurück, sag, wann?


Dies verdeutlicht, dass die Worte in der ersten Strophe nicht der Wahrheit entsprechen und das lyrische Ich diese scheußlichen Dinge nur mit dem Ziel sagt, die weibliche Protagonistin zu verletzen. Dass er aus Schmerzen heraus agiert, macht es aber nur schlimmer. Wahrheit kann und muss manchmal wehtun. Aber verletzliche Aussagen zu treffen, mit keinem anderen Sinn, als zu verletzen, malt eine Figur, der wir in unserer Jugend alle mal über den Weg gelaufen sind.
Ihr wisst welche Art Jugendliche ich damit meine, oder? Extrovertiert, gutaussehend und entweder sehr talentiert oder selbstverliebt genug um zu denken, dass sie es sind. Meistens daten sie rum obwohl sie religiös sind. Im Falle, dass sie in eine ernsthafte Beziehung stolpern, geraten sie in einen Teufelskreis, wo sie ständig Schluss machen und eine Woche später wieder zusammenkommen. (Eine Thematik die Kauta nochmals in ihrem Song „On/Off“ behandelt).
Diese Art Analyse könnte ich mit jeder Strophe machen, wie wenn die weibliche Figur impliziert, dass sie Beziehungskonflikte als etwas sieht, das man gewinnen kann. Aber wenn wir noch tiefer in die Materie gehen, bleiben wir den ganzen Tag hier. Einfach weil jeder Satz mit so viel Charakter gefüllt ist. Stattdessen will ich darüber reden, wie der Song klingt.



[Songtext zu „Egal“]
„Ich fahr’ nachts in die Stadt
Sag, kennst du diesen Platz? Ich war nur nie am Tag da
Was hab’ ich mir nur gedacht?
Sag, warum ging ich ran, auch wenn es mir so wehtat?“


Die Produktion an diesem Teil stößt mir besonders positiv auf. Aber auch die Lyrics liefern ab. Ich liebe diese Eigenschaft moderner Popmusik, wenn der Beat schneller wird und der Sänger beginnt eine Menge an Details zu droppen. 
Die Produzenten wechseln von Projekt zu Projekt. Demnach klingen die Songs also nicht nur einzigartig im Vergleich zu anderen deutschen Sängern, sondern unterscheiden sich auch stark voneinander. Etwas, das jedem einzelnen Lied seine eigene Identität verleiht. Trotz der verschiedenen Produzenten, haben die Songs konstant geile Beats. Was dafür spricht, dass Kauta ein gutes Gespür dafür hat, die richtigen Kollaborationen zu finden.
Ein weiterer interessanter Aspekt dieser Strophe ist, dass sie eine Szene in einem Auto schildert, was genau der Ort ist, an dem solche Jugendliche schwierige Diskussionen über ihre Beziehung führen würden. Einer Meinung, der Kauta offenbar zustimmt, da sie diese Location recht häufig aufsucht.



[Songtext zu „Ambient Lights“]
„Sitz’ mit, sitz’ mit, sitz’ mit Ambient Lights, fahren, fahren im Coupé
Ich erkenne dich erst, wenn die Sonne untergeht
Es ist wieder mal nachts, deine Augen ein Magnet
Und ich mag dich so lang, bis der Sommer wieder schläft


Autos sind ein klassischer Schauplatz für die Geschichten der jungen Liebe, weil sie zwei zentrale Bedürfnisse von Teenagern perfekt vereinen. Nämlich Freiheit und Privatsphäre. Ein eigenes Auto gibt ihnen Unabhängigkeit von ihren Eltern und starren Fahrplänen. Auch bieten Autos ihnen etwas, das öffentliche Orte nicht können. Es ist ein Raum, der wirklich nur den beiden gehört, in dem sie ungestört miteinander reden können. Es ist eine Blase, die einen von der Außenwelt abkapselt und eine intime Atmosphäre der Vertrautheit zwischen den Turteltauben schafft.
Wenn ihr denkt, dass ich da zu viel hineininterpretiere – Passt auf. Jetzt wird es erst richtig #prätentiös:


[Songtext zu „Ich hoff“]
„Mein Traum geht in Rauch auf wie ‘n Feuerwerk


Dass etwas in Rauch aufgeht, ist eine gängige Metapher, die beschreibt, dass etwas von einem Moment auf den Anderen auf einmal weg ist. Es bedient sich dem popkulturellen Bild eines Magiers, der kontrollierte Rauchbomben benutzt, um eine weiße Taube verschwinden zu lassen. Kauta aber geht noch weiter mit der Metapher, indem sie es mit einem Feuerwerk in Verbindung setzt. Klug. Unter anderem, weil Raketen eine klare Assoziation mit Rauch haben und der Vergleich daher nicht aus dem Nichts kommt. Dazu kommt aber noch der entscheidende Unterschied, dass Feuerwerkskörper nicht leise verschwinden. Sie sind explosiv. Somit transformiert sie die Metapher und hebt sie auf ein anderes Level. Kauta schafft es, innerhalb von wenigen Worten zu vermitteln, wie es sich anfühlt, wenn jemand, mit dem du dir eine Zukunft vorgestellt hast, dich von einem Tag auf den anderen verlässt. Dabei erschafft sie wunderschöne Visuals, die die Stärke der Gefühle widerspiegeln. Was ‘n Wortakrobat.
Doch gerade dieses Lied zeigt auch einige negative Beispiele des kreativen Austauschs.


Importiert aus Amerika

Vergleichen wir mal das Konzept, was Kauta für ihren 2025 Song „Ich hoff“ entwickelt hat, mit dem 2019 Hit „I Hope“ von der amerikanischen Countrysängerin Gabby Barrett. In beiden Songs geht es um die Geschichte einer trauernden Frau, die ihrem Ex nach einer Trennung zunächst alles Gute wünscht. Das Lied nimmt jedoch eine rachsüchtige Wendung, wenn die Erzählerin offenbart, sie hoffe, ihr Ex möge jemanden Perfekten finden, nur damit diese Person ihn dann so verletze, wie er sie. Offensichtlicher wird diese Parallele, wenn man die Lyrics direkt miteinander vergleicht.


[Songtext zu „I Hope“]
„I hope she’s wilder than your wildest dreams
She’s everything you’re ever gonna need
And then I hope she cheats
Like you did on me 
Zu Deutsch:
„Ich hoffe,
Sie ist wilder als deine wildesten Träume.
Sie ist alles, was du jemals brauchen wirst.
Und dann hoffe ich, dass sie dich betrügt,
so wie du mich betrogen hast.


[Songtext zu „Ich hoff“]
„Ich wü-ü-ü-ü-ünsche dir, dass sie perfekt ist
Dir jeden Wunsch von den Lippen liest […]
Und sie dich besser liebt als ich, ich hoff
Ich hoff’, dass sie dich bricht,
so wie du mich, so wie du uns’


Schlechte Google Übersetzung, meinerseits, aus und vorgestellt, hier wurde sich offensichtlich an der Prämisse eines anderen Songs bedient, inklusive des Titels, der wirklich nur ins Deutsche übersetzt wurde. Persönlich würde ich dies nicht als Plagiat bezeichnen, da die eigentlichen Lyrics komplett andere sind. Zum Beispiel sind Kautas Feuerwerke in Barretts Werk überhaupt nicht vorhanden. Außerdem ist der Vorwurf des Plagiats eine sehr ernste Sache, die ich nur als gerechtfertigt sehe, wenn jemand etwas Wort-für-Wort kopiert. In diesem Fall wurde nur das Konzept übernommen. Aber so viel von einem anderen Werk zu übernehmen, wirkt trotzdem faul. Es stellt keinerlei Problem da, sich von jemand anderem inspirieren zu lassen. Allerdings musst du diese Inspiration dann ziemlich stark transformieren, um es dann dein Eigen nennen zu können. Dies wurde hier klanglich getan (die Produktionen der Lieder klingen komplett unterschiedlich), aber nicht mit dem Kern des Konzepts oder dem verdammten Titel. Dieses Projekt hätte noch etwas Feinschliff vertragen. Besonders weil Barrett nicht der einzige amerikanische Einfluss auf diesen Song ist. Die zweite Strophe beginnt nämlich mit einer offensichtlichen Anspielung auf denn 2016 Hitsong „i hate u, i love u“ von gnash.


[Songtext zu „Ich hoff“]
„I hate you, I love you, I hate that I— (Ha)
Zu Deutsch: „Ich hasse dich, ich liebe dich, ich hasse, dass ich— (Ha)

[Songtext zu „I hate u, i love u“]
„I hate you, I love you, I hate that I— (Ha)
Zu Deutsch: „Ich hasse dich, ich liebe dich, ich hasse, dass ich— (Ha)


Mal wieder Unoriginell, aber auch etwas, dass den Flow zerstört. Wieso ist diese eine Strophe in einem deutschsprachigen Song auf einmal komplett auf Englisch? Die vorhandenen Lyrics sind ja weder ein komplexes Meisterwerk, noch sehe ich hier einen anderen Mehrwert diese zu zitieren, statt zu versuchen, das gleiche Gefühl mit anderen Worten wiederzugeben. Dass diese Lyrics ein Dorn im Auge sind, beweist hier doch, dass es sich wieder mal nicht um ein Plagiat handelt, sondern nur um eine direkte Referenz.
Dass Künstler einander inspirieren, ist nicht ungewöhnlich. Besonders der musikalische Bereich ist durch kreative Austauschprozesse geprägt. Und Kauta ist bei Weitem nicht die Erste, die zu viel von einem anderen Lied übernommen hat. Künstler wie Ed Sheeran zum Beispiel landen ständig, genau deswegen, vor Gericht. Allerdings macht es die Tatsache, dass die Grenze zwischen Inspiration und Plagiat so dünn ist, wichtig darauf hinzuweisen, wenn ein Künstler droht, diese Grenze zu überschreiten. 


Der springende Punkt

Kauta ist eine unfassbar talentierte Künstlerin, die bereits im jungen Alter viel erreicht hat. Sie zeigt einen unglaublichen kreativen Antrieb in allen Teilen ihrer Karriere, von der Musik, den Visuals, Texten, und ich habe nicht einmal ihre Fähigkeit zu performen oder ihren fantastischen Modesinn erwähnt. Kauta scheint alle richtigen kreativen Instinkte zu haben. Obwohl ich glaube, dass ein Teil ihrer Diskographie mehr von Amis inspiriert wird, als mir lieb ist, glaube ich auch, dass sie Deutschlands größte Hoffnung ist, was Popmusik angeht.


Vielen Dank fürs Lesen und bis zum nächsten Beitrag!

Autor:in

  • Deena

    Auf JUMA22 will ich unsere Leserinnen informieren, unterhalten und dazu animieren, meine Lieblingsfilme zu schauen.

    Alle Beiträge ansehen
This Pop-up Is Included in the Theme
GDPR Cookie Consent mit Real Cookie Banner