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Wie „Schreib Mich Ab“ Musik benutzt

Schreib mich ab“ ist ein interaktiver Podcast von Funk, der die Geschichte von Leviathan erzählt. Ein Hacker, der Jugendliche mit ihren Daten erpresst und den Ruf von jeder und jedem zerstört, der ihm in die Quere kommt. (Eher in die Queere kommen. Happy Pride, by the way). Doch drei Schüler*innen der Geschwister-Scholl-Schule lassen sich nicht unterkriegen. Zusammen versuchen sie die Identität von Leviathan aufzudecken. Also ein Hörspiel, bei dem Jugendliche ein Verbrechen aufklären. Ein ausgelutschtes Konzept auf dem deutschen Markt, aber Schreib mich ab“ rechtfertigt seine Existenz, in dem es alte Ideen erfrischend umsetzt.

Zum einen verbindet die Hauptfiguren Henry Weber, Nele Hoffmann und Kai Cheng ein dunkles Geheimnis, womit Leviathan sie in der Hand hat. Aber ihre mangelnde Moral bedeutet auch, dass sie zu dubiosen Mittel greifen können, um Leviathan zu enttarnen. Die Figuren sind sympathisch, aber sie trifft eine Teilschuld für alles, was geschieht. Was die Handlung wesentlich unterhaltsamer macht, als wenn Leviathan drei Unschuldslämmer quälen würde. Weil es genau diese dubiosen Taten sind, die ihre Geschichte am Laufen hält. Eine weitere Stärke des Podcast ist, dass es die Zuhörer*innen am Grübeln hält. Die Nebenfiguren sind ausreichend definiert und spielen so oft eine aktive Rolle in der Handlung, das jede*r von ihnen der Täter oder die Täterin sein könnte. Also haben wir eine charakterorientierte Handlung, starke Hauptfiguren und ein interessantes Rätsel.

Das Einzige, was mich davon abhielt, die erste Staffel zu genießen, war der Angriff auf mein Gehörorgan in Episode 1. Was eine Schande ist, da der schlechte erste Eindruck bestimmt viele Hörer*innen abgeschreckt hat. Jedes Mal, wenn etwas annähernd Gravierendes passiert, plärrt dramatische Musik. Besonders „Lovely“ von Billie Eilish und Khalid wird innerhalb der ersten Hälfte überstrapaziert. Verschlimmert wird es davon, dass jedes Mal der gleiche Teil des Songs benutzt wird, der dann mehrmals läuft und nach dem dritten nicht-diegetischem „Thougt I found a way“ hatte ich persönlich die Nase voll davon.

Für die Unwissenden: Unter diegetischer Musik versteht man Musik, die innerhalb der fiktionalen Welt existiert (1). Zum Beispiel erklingt in S1:Ep3 Olivia Rodrigo’s Popsong „Good for You“ von Neles Handy, wenn sie einen Anruf bekommt. Das ist ihr Klingelton. Musik, die sowohl die Hörer*innen als auch die Figuren selbst hören können. Nicht-diegetische Musik ist daher Musik, die nur für die Hörer*innen existiert (1). Wie in S1:Ep1, wenn das Lied „Lovely“ von Billie Eilish und Khalid ertönt, während Henry ein geleaktes Strip-Video schaut. Es gibt keinerlei Anzeichen, dass die Musik in seinem Zimmer läuft, noch dass er sie selbst hören kann. Da „Lovely“ nur erklingt, wenn eine dramatische Szene stattfindet, kann man zu dem Entschluss kommen, dass der Song nur da ist, um den Hörer*innen zu signalisieren, wie sie sich fühlen sollen.

Und da beginnt unser Problem. Zuschauer*innen sind nicht dumm. Sie brauchen keine ständigen musikalischen Queues, um zu wissen, wie sie sich in einer Szene fühlen sollen. Denn, wenn diese gut aufgebaut werden, würden die Hörer*innen automatisch mitfühlen. Aber der Podcast versucht schon in der ersten Folge mehrere emotionale Momente zu erzwingen, obwohl die Zuhörer*innen die involvierten Figuren bisher kaum kennen und die Macher*innen all ihre Karten auf die Musik setzten.

Aber das würde auch erklären, wieso die Musik im Laufe der Serie besser geworden ist. Sie ist immer noch da, aber nicht annähernd so aufdringlich wie in den ersten zwei Folgen. In gewissen Stellen tun sie sogar sehr interessantes damit. In Episode 11 (in Staffel 1) brechen Kai und Henry in das Haus ihres Informatiklehrers ein, um etwas an seinem Computer zu kopieren. Doch als einer von ihnen Kaffee über den PC kippt, rennen sie so schnell wie möglich aus dem Gebäude. Daraufhin wird „Primadonna“ von Ericdoa gespielt und die Zuhörer*innen nehmen an, dass das diegetisch ist. Aber dann hört man Autogeräusche und die Stimme von Kai: „Henry, hast du auch vernünftige Musik?“ Eine Unterwanderung der Erwartungen und ein sauberer Szenenübergang zugleich. Klug.

Aber dann ist Staffel 2 passiert. Der Einsatz von Musik ist nicht furchtbar, nur langweilig. In Folge 5 hat die neue Hauptfigur einen Streit mit ihrer besten Freundin. Also wird „Best Friend Breakup“ von Lauren Spencer-Smith im Hintergrund gespielt… Was war das vorhin nochmal mit ausgelutscht? Es ist nicht überraschend, da in der zweiten Staffel sämtliche Stärken der ersten fehlen. Der Cast ist viel kleiner und die Nebenfiguren sind alle unbedeutsam. Einige wichtige Entwicklungen aus der ersten Staffel werden widerlegt. Das wirft die Frage auf, warum die Zuhörer*innen sich für die Handlung interessieren sollen, wenn alles, was passiert, in einer späteren Staffel ignoriert werden kann. Es ist interessant zu sehen, wie die Qualität der Musik mit der Qualität des Textes korrespondiert. Was die Musik über ein Projekt sagen kann, ist so wichtig. Nicht nur, was sie uns über die Handlung oder Figuren erzählt, sondern was sie uns über die Geschehnisse hinter den Szenen verrät.

Das ist reine Spekulation, aber ich würde behaupten, dass die zweite Staffel Probleme bei der Produktion hatte. Nicht nur wegen der sinkenden Qualität, sondern auch weil sie mit 6 Folgen wesentlich kürzer ist als die erste, die 13 Episoden hatte. Die Gesamtlänge beträgt momentan fast 8 Stunden (2). Es könnte sein, dass sie Angst davor hatten, Staffel 2 genauso viel Zeit zu geben wie Staffel 1, weil das die Länge überstrapazieren würde und neue Zuhörer*innen davon abschrecken könnte, den Podcast zu hören. Darüber hinaus erschien die Fortsetzung nur ein Jahr nach der ersten Staffel (2). Falls sie erst auf eine Reaktion des Publikums gewartet haben, bevor sie Staffel 2 starteten, hatten die Macher*innen bestimmt viel Zeitdruck während der Produktion, worunter Details wie die Musik gelitten haben.

Bei jeder guten Regisseurin und jedem guten Regisseur merkt man, dass jede Entscheidung eine wichtige ist. Der oscarnominierte Horrorstreifen „The Sixth Sense“ endet mit einer Szene, bei der die Figur des Sohnes mit seiner Mutter über seine tote Oma redet. Bei der Produktion des Filmes überlegte der Regisseur M. Night Shyamalan, während dieser Szene eine traurige Melodie zu spielen. Da das der traditionelle Weg wäre, um eine emotionale Klimax darzustellen. Eine Idee, der Shyamalan mit einer einfachen Frage entgegnete: Wieso? Die Szene spricht für sich (3). Gute Musik lenkt nicht ab, deswegen bemerkt man die harte Arbeit dahinter meistens nicht. Darum ermutige ich euch, bei eurem nächsten Filmmarathon auf die Musik zu achten.

Quellen:
1. Diegetischer Ton – das Lexikon der Filmbegriffe
2.  Schreib mich ab – funk.net
3
The Sixth Sense – Reflections from the Set

Autor:innen

  • Deena

    Auf JUMA22 will ich unsere Leserinnen informieren, unterhalten und dazu animieren, meine Lieblingsfilme zu schauen.

  • Miro

    Heyyyyy, ich bin Miro und komme aus Riedstadt. Mein Wunsch ist es, so viel wie möglich über Tierschutz und Politik aufzuklären. Ich bin durch einen Freund auf JUMA22 aufmerksam geworden und es hat mir hier gefallen. Ich mag vor allem das Miteinander und die Ausflüge, die wir regelmäßig machen und bei welchen ich auch vieles Neues gelernt habe.

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