Der folgende Text wird als Meinungsbeitrag klassifiziert:
Wer zum Teufel ist überhaupt diese Lilith?
Wenn man dem Internet Glauben schenkt, dann ist Lilith eine biblische Figur. Angeblich die ursprüngliche Frau Adams, die sich weigerte, sich ihm unterzuordnen und zur Strafe dafür aus dem Paradies verbannt wurde. Später wurde sie durch die bekanntere Eva ersetzt (1).
Seit einigen Jahren wenden sich Frauen einer neuen Spiritualität zu. Anstatt sich streng an organisierte Religion zu halten, erkunden sie häufig Praktiken wie Astrologie, Tarot, Ahnenrituale und göttinnen-zentrierte Spiritualität. In diesen Kreisen wird die Geschichte von Lilith, statt dämonisch, als Rebellion der Frau umgedeutet, die sich geweigert hat, sich von einem Mann klein halten zu lassen. Dadurch verwandeln sie eine einst verunglimpfte Figur in einen Archetyp der Ermächtigung.
Nicht nur, weil sie sich geweigert hat, sich Adam unterzuordnen und sich damit gegen Gott stellte, sondern weil sie sich allein ihrer Kreation wegen schon mit Adam auf einer Augenhöhe befand.
Demnach wurde Lilith zur gleichen Zeit wie Adam von Gott erschaffen, wohingegen Eva der biblischen Schöpfungsgeschichte zufolge aus der Rippe von Adam erschaffen wurde. Somit entgeht diese Geschichte dem weirden Womb-Envy Winkel (2),die mit der Idee kommt, dass die ganze Menschheit von einem Mann käme. Wenn in Wirklichkeit die Kreation der Menschheit eine Zusammenarbeit zwischen den zwei biologischen Geschlechtern war, wo die Frauen den Großteil der körperlichen Arbeit erledigen. In dieser Version der Geschichte kommen die Männer nicht von Gott, während Frauen von Männern kommen. In dieser Version stammt nicht allein der Mann von Gott, sondern auch die Frau.
Lilith ist so beliebt geworden, dass sogar erfolgreiche Serien begonnen haben diese Version der Geschichte zu erzählen. Sei es das Netflix-Remake von „Chilling Adventures of Sabrina“ (3) oder die Indie-Serie „Hazbin Hotel“ (4), es werden immer wieder ähnliche Elemente dazu gedichtet. Ihre Entscheidung, das Paradies zu verlassen, wird als emanzipatorisch dargestellt, während Adam (der Mann, gegen den sie sich auflehnt) als eher frauenverachtend erscheint. Darüber hinaus spielt Lilith in diesen Serien nicht irgendeine Dämonin, sondern die weit ermächtigende Rolle der Höllenkönigin und die Ehefrau Lucifers.
Dies ist wahrscheinlich das Detail, das einigen sauer aufstößt, da die Hölle aus alttestamentlicher Sicht keinen Anführer haben soll. Woher kommt also all dieses Hörensagen?
Um diese Frage zu beantworten, müssen wir zuerst mal den Ursprung von Lilith ermitteln. Im Alten Testament wird der Name nur einmal bei Isaiah 34:14 erwähnt, um eine Kreatur zu beschreiben, die je nach Übersetzung auch „Wesen der Nacht“ oder „Schreieule“ heißen kann (5). Theolog*innen glauben, dass diese Lilith ihren Ursprung in der jüdischen Folklore haben könnte, wo es weibliche Dämonen mit dem gleichen Namen gibt, die Männer verführen und Säuglinge fressen (6).
Eine Verbindung zu der Geschichte von Adam und Eva oder der Idee, dass Lilith die erste Frau auf der Erde war, gibt es aber nicht. Diese Version der Geschichte hat keinerlei Grundlage in der Bibel. Stattdessen scheint sie ein Gehirnbaby zu sein, das in der Neuzeit auf die Welt gekommen ist. Die früheste Literatur, auf die man diese Vorstellung zurückführen kann, ist das Alphabet des Ben Sira. Dabei handelt es sich um ein hebräisches Weisheitsbuch, das zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert in der islamischen Welt geschrieben wurde. Es schildert Liliths Rebellion und ihre Flucht aus dem Garten Eden (7).
Währenddessen stammt die Idee von Adligen, die über die Hölle regieren, aus dem Roman „Paradise Lost“ von John Miltons, der im 17. Jahrhundert veröffentlicht wurde. In diesem Buch wird Lucifer (beziehungsweise Satan) als tragischer, stolzer Engel porträtiert, der sich gegen Gottes Herrschaft auflehnt (8). Dies lädt natürlich dazu ein, Parallelen zwischen Lucifer und Lilith zu ziehen, da beide von Gotterschaffene Kreaturen sind, die sich dann gegen ihn gewendet haben. Natürlich denken Leute dann, dass die beiden wegen ihrer geteilten Erfahrungen ein gutes Paar abgeben würden. Daraus entsprang die Idee von Lilith als Königin, die mit Satan zusammen die Hölle regiert.
Auch im alten, deutschen Klassiker „Faust“ hat Lilith einen Gastauftritt. In Goethes bekannter Tragödie erscheint Lilith vor allem in der Walpurgisnacht als eine verführerische, aber auch bedrohliche Frauengestalt. Sie verkörpert die sinnliche, zerstörerische Seite der Weiblichkeit und steht damit im Kontrast zu Gretchen, einer weiteren wichtigen weiblichen Figur in der Geschichte, die Unschuld und Erlösung symbolisiert. Lilith verweist auf die Gefahr, sich in rein körperlichen Begierden zu verlieren. Ein zentrales Spannungsfeld in „Faust“, wo der Protagonist zwischen geistiger Erhebung und sinnlicher Verlorenheit schwankt. In der Walpurgisnacht wird sie explizit als „Adams erste Frau“ bezeichnet, die sich der Unterordnung verweigerte und stattdessen mit dem Teufel verbündete. Diese Anspielung verbindet Goethes Lilith direkt mit der biblisch-mythologischen Tradition (9).
Eine Tradition, die sich ebenfalls in vielen Gemälden des 18. und 19. Jahrhunderts wiederfinden lässt. Diese Kunstwerke stellen nämlich eine Figur mit dem Namen „Lilith“ in ähnlichen, christlich geprägten Szenen dar. Einige zeigen sie im Garten anstelle von Eva, wie sie von einer Schlange umschlungen wird (10), andere zeigen Lilith als Schlange mit Flügeln, die Eva den berüchtigten Apfel anbietet (11). Dies ist interessant, da sie im eigentlichen Text nie mit Schlangen in Verbindung gebracht wird. Wenn überhaupt, ist sie eher mit Vögeln zu verbinden, da ihr Name im Alten Testament oft als „Eule“ übersetzt wurde. Hier wird die Macht der Reinterpretation deutlich.
Beliebt diese Werke auch sind, ist es schwierig einzuschätzen, wann diese Interpretation der religiösen Texte sich verbreitete oder ob sie jemals eine dominante Lesart der ursprünglichen Geschichten war. Was sie jedoch zeigen ist wie sich der Mythos von Lilith mit der Zeit verwandelt hat und wie wir auf die heutige Version der Dämonin gekommen sind.
Anhand Lilith kann man nicht nur richtig gut sehen, wie sehr die Medien unser Allgemeinwissen beeinflussen können, sondern auch, wie dünn die Linie zwischen Folklore und Religion ist. Die Verwandlung ihrer Figur beweist, wie kulturelle Erzählungen über Jahrhunderte hinweg transformiert werden, je nachdem, wer die Deutungshoheit besitzt. Gleichzeitig wird deutlich, dass selbst scheinbar klare Grenzen zwischen Mythos und Glaubenssystem fließend sind und oft von zeitgenössischer Kunst abhängen. Lilith bleibt damit nicht nur eine faszinierende Gestalt, sondern auch ein Spiegel für die Macht von Erzählungen in unserer Wahrnehmung von Welt, Geschichte und Spiritualität.
Hier noch die Quellen:
Noch eine Notiz am Rande:
Vielen Dank fürs Lesen und bis zum nächsten Beitrag!