In einer Gesellschaft, die sich zunehmend als „moralisch sensibilisiert“ versteht, eine in der Stars für alte Tweets „gecancelt“ werden und Influencer wegen Fehlverhalten ihre Karriere verlieren, scheint der Profifußball in einer eigenen moralischen Blase zu leben. Kaum ein Fall zeigt diese Widersprüche so deutlich wie der von Jérôme Boateng.
Der ehemalige Nationalspieler, Weltmeister, Champions-League-Sieger – jahrelang eines der Gesichter des FC Bayern München, steht seit Jahren wegen massiver Vorwürfe in der Kritik. Zwei Ex-Partnerinnen beschuldigten ihn der Körperverletzung, eine davon, das Model Kasia Lenhardt,
nahm sich 2021 das Leben. Die „Spiegel“-Podcastreihe Die Akte Kasia Lenhardt zeichnet die Beziehung der beiden als toxisches Machtspiel nach – geprägt von Kontrolle, öffentlichem Druck und emotionaler Zermürbung. Auch wenn Boateng rechtlich nie endgültig verurteilt wurde, bleibt der moralische Schatten bestehen.
Umso irritierender war die Nachricht, dass der FC Bayern im Herbst 2025 ernsthaft eine Rückkehr Boatengs plante zwar zunächst „nur“ als Hospitanz unter dem Trainer Vincent Kompany. Für viele schien das ein normaler Vorgang: Ein Ex-Profi hilft seinem alten Verein und bringt vorteilhafte
Erfahrung mit. Doch angesichts der Vorwürfe wirkte es wie ein Schlag ins Gesicht für alle, die Gewalt gegen Frauen ernst nehmen.
Gerade Bayern München, ein Verein, der jedes Jahr am Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen (25. November) die Allianz Arena orange erleuchten lässt, geriet damit in eine moralische Zwickmühle. Wie glaubwürdig ist wohl ein Verein, der öffentlich Haltung zeigt, gleichzeitig aber einem Mann eine Bühne bietet, der in mehreren Fällen wegen Körperverletzung angeklagt war?
Es waren nicht Funktionär*innen oder Sponsor*innen, die diese Frage stellten… sondern die Fans. In der Südkurve protestierten sie mit Bannern:
„Wer dem Täter Raum gibt, trägt seine Schuld mit – Boateng, verpiss dich!“
„Kein Platz für Charakterschweine in unserem Verein – kein Platz mehr für Boateng!“
Die Botschaft war klar und deutlich! Der Druck der Fans führte schließlich dazu, dass der Verein den Plan fallen ließ. Boatengs Rückkehr wurde gestoppt. „Jérôme fühlt sich dem FC Bayern sehr verbunden und möchte nicht, dass der FC Bayern aufgrund der aktuellen kontroversen Diskussion
um seine Person Schaden nimmt.” Es scheint nicht aus moralischer Einsicht, sondern eher aus Angst vor Imageverlust.
Dieser Fall zeigt exemplarisch, wie fragil moralische Prinzipien im Profifußball sind. Während in anderen Bereichen der Gesellschaft „Cancel Culture“ als Schreckgespenst gilt, scheinen im Fußball andere Regeln zu gelten. Hier werden Gewalttaten, Steuerdelikte oder auch homophobe Ausrutscher immer wieder relativiert und toleriert, solange jemand Tore schießt oder Titel bringt.
Der Fall Boateng zwingt uns, unbequeme Fragen zu stellen:
Warum braucht es erst Fanproteste, damit Ethik über Karrierechancen gestellt wird? Warum gilt „Trennung von Kunst und Künstler“ nur dort, wo Ruhm profitabel bleibt? Und wie glaubwürdig ist ein Verein, der orange leuchtet und gleichzeitig bereit ist, seine Werte für sportlichen Nutzen zu
überblenden?
Boateng mag juristisch nicht schuldig sein. Doch Moral ist kein Gerichtsurteil, sie ist eine Haltung. Und solange der Fußball sie nur zeigt, wenn sie sich gut vermarkten lässt, bleibt von der viel beschworenen „Familie FC Bayern“ vor allem eines übrig: ein schönes Symbol in orangefarbenem
Licht.
Quellen:
1. Doch keine Hospitanz für Jérôme Boateng
https://www.instagram.com/p/DQPosXVDa_1/?img_index=1&igsh=cHY5djNobm90bGgz
2. Die Akte Kasia Lenhardt
https://podcasts.apple.com/de/podcast/nda-geschichten-die-nicht-erz%C3%A4hlt-werden-sollen/id1735297421?l=en-GB
3. Bayern-Fans protestieren gegen Boateng
https://m.bild.de/sport/fussball/plakate-in-der-kurve-bayern-fans-protestieren-gegen-boateng-68f3deb9b6a97a0e756aaf47?t_ref=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F
4. Bayern-Fans teilen in der Südkurve erneut gegen Boateng aus
https://www.merkur.de/sport/fc-bayern/aus-bayern-fans-teilen-in-der-suedkurve-erneut-gegen-boateng-zr-94000534.html
5. Jérôme Boateng muss einen Rückzieher machen
https://www.tagesspiegel.de/sport/jerome-boateng-muss-einen-ruckzieher-machen-der-fc-bayern-hat-seine-fans-unterschatzt-14660801.html
6. Bayern Fans setzen wichtiges Statement gegen Jérôme Boateng
https://vm.tiktok.com/ZNdctfHp4/
7. Gibt es Beweise für Jérôme Boatengs Kontroversen
https://vm.tiktok.com/ZNdctQmqt/
Autor:in
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Name: Fiona Wohnort: Nauheim Wünsche/Ziele: Mir liegt es am Herzen, dass Jugendliche (mich eingeschlossen) eine bessere allgemeine Bildung erhalten. Ich möchte dazu beitragen, dass Wissen für möglichst viele zugänglich wird. Was JUMA22 für mich bedeutet / warum bin ich JUMA22 beigetreten? Ich bin JUMA22 beigetreten, weil ich mich gerne weiterbilde und mir ein breites Spektrum an Meinungen einhole. Der Austausch mit anderen, das kritische Hinterfragen verschiedener Themen und das Verfassen von Texten bereiten mir viel Freude. Ich sehe JUMA22 als eine coole Möglichkeit, meine Gedanken mit anderen zu teilen, neue Sichtweisen kennenzulernen und mich in einer Gemeinschaft zu engagieren, die Wert auf Bildung legt.
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